Rauhnächte

Das Wesen der Rauhnächte erkennen.

 

Alle Jahre wieder, sind wir mit einer Zeit konfrontiert, die sich von anderen Zeiten des Jahres deutlich unterscheidet. Da wo ich herkomme, im Alemannischen (das sind Teile Deutschlands, der Schweiz und Österreichs), nennt man die Rauhnächte „die Zeit zwischen den Jahren“. Zwischen den Jahren ist eine wunderbare Formulierung und ich habe bereits mehrfach darüber geschrieben.

Die Rauhnächte zeichnen sich dadurch aus, dass nichts fix ist. Wenn etwas in Bewegung kommen soll, wird es in dieser Zeit passieren – zumindest, wenn man sich nicht mit Händen und Füßen dagegen wehrt. Ein kleiner Teil davon ist die Zeit der Neujahrsvorsätze, die nicht selten nach dem Ende der Rauhnächte (am 6.1.) wieder verflogen sind. Was sich an Silvester und Neujahr noch ganz real und realistisch angefühlt hat und präsent war, verblasst nach dem 6.1. wieder zur Belanglosigkeit. Zu heftig nimmt uns die Normalität wieder gefangen.

Daher macht es natürlich Sinn, nicht nur das Neue zu formulieren, sondern auch das Alte gebührend zu verabschieden. Wer sich in diesen 12 Tagen und Nächten ein wenig Zeit nimmt, kann fühlen, dass alles Zukünftige machbarer und plausibler erscheint als zu anderen Zeiten. Das ist das Wesen der Rauhnacht! Es ist alles offen. Alle Türen stehen weiter auf, als zu anderen Zeiten. Und wenn man bei diesem Bild bleibt, so geht es in erster Linie darum, nicht nur die offene Tür wahrzunehmen, sondern auch die ersten Schritte im neuen Erfahrungsraum bereits zu machen.

Die offenen Türen sind eine gute Voraussetzung, aber wichtig ist, die Räume zu betreten. Die üblichen  Neujahrsvorsätze haben die Qualität des Wahrnehmens der offenen Türen. Das Wesen der Rauhnächte aber kann uns bereits in die neuen Räume führen, damit wir sie für uns erobern können, bevor die Türen sich wieder schließen.

Und das „Wesen“ der Rauhnächte kann zweideutig gesehen werden. Einerseits verwenden wir den Begriff „Wesen“ als Synonym für eine Eigenschaft, etwas, das die Rauhnächte ausmacht. Aber genau so gut kann man das „Wesen“ auch als Entität betrachten – als etwas, das konkret existiert.

Und wie wir alle wissen, ist die Qualität der Rauhnächte polar, wie viele Qualitäten. Es gab Gründe, warum die Menschen früher Angst hatten, in diesen Nächten nach draußen zu gehen, wenn „die wilde Jagd“ übers Land preschte. Neues ist nicht immer gleichzusetzen mit besser. Aber zu verharren im Alten ist auf jeden Fall unserer Entwicklung hinderlich.

Wenn wir uns nun auf das Wesen der Rauhnächte – in welchem Sinne wir es auch betrachten möchte – einlassen möchten, dann braucht dies Mut. Den Mut, Dinge zu sehen, die wir lieber nicht sehen möchten, den Mut, Dinge zu verändern, die allzu bequem geworden sind…

Dabei kann das Wesen uns hilfreich sein. Wenn wir aktiv wahrnehmend und schlussendlich aktiv handelnd in der Entwicklung stehen, haben wir nichts zu befürchten vom Wesen der Rauhnächte. Es kann uns nur dann gefährlich werden, wenn wir unbewusst und seelisch schlafend die Entwicklung geschehen lassen. Unbewusstheit schafft ein Vakuum, das nur allzu gerne von nicht-dienlichen Wesenheiten gefüllt wird. Immer wieder sind wir selbst gefragt, wenn wir Zeitqualitäten für uns und unsere Entwicklung nutzen möchten.

Gute Fragen in dieser Zeit sind zum Beispiel immer wieder: Wo stehe ich? Wo sollte ich stehen? Bin ich auf einem guten Weg? Bringe ich meine Fähigkeiten in die Welt ein? Wo halte ich mich und meine Fähigkeiten zurück und verweigere mich? Wo lasse ich mich durch Oberflächliches leiten? Wo beherrscht mich die Bequemlichkeit?

Wenn wir unsere Aufgaben als Menschen wirklich ergreifen wollen, dann ist es notwendig, den Status Quo immer wieder zu hinterfragen. Wir werden die Antworten auf diese Fragen nirgendwo im Außen finden, lediglich die Stimme in unserem Inneren kann helfen, sie zu beantworten. Und genau dabei hilft uns das Wesen der Rauhnächte.

 

 

2 Kommentare zu „Rauhnächte

  1. Danke! wieder ein sehr erhellender Beitrag…nur eine Anmerkung: bei mir kontrahiert sich immer etwas wenn ich Sätze wie „Wo sollte ich stehen?“ Wo müsste ich…wo bin ich zu bequem…lese. meiner Erfahrung nach bringt das keinen Hintern hoch, Die Wertungen sind einfach hinderlich und ich glaub auch nicht, dass sie zur Wesen-haftigkeit der Rauhnächte gehören. Wo ich Dir voll zu stimme ist die Bewusstheit. Vielleicht wandelt sich ja was, wenn ich mich ganz in meiner Trägheit, in der Bequemlichkeit, in der Stagnation und im Hängen wahrnehme, aber sicher nur, wenn ich die Bewusstheit nicht benutze, damit sich der Zustand wandelt.Weißt was ich mein?

  2. Danke Beatrix für die Anmerkung. Ich denke schon, dass die Wahrnehmung vor der Veränderung stehen sollte bzw. kann. Und ja, ich weiß, was Du meinst. Aber ich habe – glaub ich – nicht ganz diesen freilassenden Ansatz. Ich finde schon, dass das Wahrnehmen als erster Schritt zur Veränderung dient. Mir geht es weniger um das Freilassen, als um das Ringen mit der Veränderung. Mir geht es um dieses Streben danach, sich weiter zu entwicken. Da haben wir unterschiedliche Ansätze. Für mich ist schon das Ringen um die Veränderung etwas, was im Hinblick auf die geistige Welt etwas tut. So im Sinne von: „In magnis est voluisse sat est..“

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