Aleppo

Bei uns lebt seit rund einem Monat eine Familie aus Aleppo. Daher berührt mich dieses Thema gerade noch mehr, als es dies sonst vermutlich täte.

Ich bin täglich mehrmals in Kontakt mit diesen reizenden Menschen, die so viel Liebe und Herzlichkeit ausstrahlen, die mich niemals gehen lassen wollen, ohne mich mit Kaffee und Keksen zu verwöhnen…. Und gleichzeitig verfolgen sie auf ihren Handys die Bombardements in Aleppo. Sie sitzen oft fassungslos, lächeln mich an, während ihre Augen sich mit Tränen füllen.

Der 12-jährige Sohn hat mir vor wenigen Tagen das völlig zerbombte Haus seines besten Freundes gezeigt, das an diesem Tag durch die Medien geisterte. Sein Onkel ist auf der Überfahrt ertrunken, Oma und Opa sind noch in Aleppo, ebenso wie sieben Tanten.

Diese Menschen versuchen für sich und ihre drei Kinder einen Alltag zu erschaffen, in einer Situation, die Alltag eigentlich gar nicht erlaubt. Sie leben in zwei Welten. Einerseits hier in relativer Sicherheit – der Asylantrag ist durch. Andererseits in ständiger Angst um das Wohl der zurückgebliebenen Familie. Die Großeltern waren schon damals zu alt, um die Flucht mit anzutreten, die Tanten hofften auf baldige Verbesserung der Situation und wollten die geliebte Heimat nicht verlassen.

Erst vor wenigen Tagen habe ich mit meinen Kindern Bilder von Aleppo im Internet angeschaut; vorher und heute. Wir waren alle sprachlos. Welch schöne Stadt das einmal war. Prachtvoll und schön. Und heute? Bombenkrater, Ruinen, Blut, Verletzte….

Nicht einmal vor den Krankenhäusern macht das grauenvolle Bombardement Halt. Und dann fällt mein Blick wieder auf die hochschwangere Mama, den sanften und liebevollen Papa, der nie ein lautes Wort sagt. Der stets liebevoll mit Frau und Kindern spricht und alles erträgt.

Und ich lese im Internet die hasserfüllten Kommentare von Menschen, denen offenbar jemand das Empathie-Vermögen gestohlen haben muss. Sie schreiben darüber, dass diese Menschen gar nicht kommen dürfen, dass sie doch auf der Überfahrt ertrinken sollen, dass es besser ist, wenn sie sterben…..

Und die weniger brutalen Postings meinen, sie sollen doch wieder nach Hause gehen. Wohin bitte? In welches Zuhause? In eine Welt, die es nicht mehr gibt? In ein Leben, das völlig zerstört ist?

Ich kann nur erahnen, was die Kinder fühlen, die nicht einmal wissen, ob ihre Freunde noch leben und wo sie sind? Ich kann auch nur erahnen, welchen Schmerz die Eltern vor mir und ihren Kindern verbergen, wenn sie gebannt die neuesten Nachrichten verfolgen.

Mich macht das alles sprachlos. Ich bin dankbar, wenigstens dieser einen Familie helfen zu dürfen, sich hier wohlzufühlen, Alltag – zumindest im Ansatz – zu leben.

Heute hatte ich einen klaren Tagesplan. Ich wollte schreiben, wollte endlich meinen Papierkram sortieren. Aber zuerst wollte ich kurz rauf schauen, und fragen, ob sie etwas brauchen. Der Vater kam mir mit unerträglichen Rückenschmerzen entgegen. Also, Arzt angerufen, Medikamente besorgt. Die Mama fragte mich, wo die Kinder die Haare schneiden lassen können. Ich rief bei dm an und bekam sofort einen Termin. Daher habe ich die Kinder geschnappt und wir sind Haare schneiden gegangen. Normalerweise hätte ich meinem geplanten Tagesinhalt nachgeweint, der jetzt nicht mehr so stattfinden konnte. Aber heute war ich dankbar.

Dankbar dafür, dass der Haarschnitt den Kindern ein Alltags-Gefühl verschafft hatte, dass es jetzt – dank der leicht erhältlichen Medikamente – dem Papa wieder besser geht und dass die Mama einkaufen war. Ich bin dankbar, dass ich diese Menschen kennenlernen durfte.

Was hat dies nun mit der geistigen Welt zu tun? Wir Menschen haben einen freien Willen. Wir können uns jeden Tag – jede Minute – für das Gute oder das Böse entscheiden. Dies gilt für Taten, aber auch für Worte und Gedanken. Und ich bin immer noch überzeugt, dass es eine genügend große Anzahl von Menschen braucht, die sich dem Bösen, dem Faschistischen, dem Herzlosen, dem Gemeinen widersetzen. Menschen, die den anderen Menschen sehen. Ich bin froh, dass ich ganz viele dieser Menschen kenne. Ich kenne Menschen, die sich um Menschen in Nepal kümmern, ebenso wie um Menschen hier in Österreich. Ich kenne Menschen, die sich um Tiere kümmen, die vegan leben, um kein Tierleid zu verursachen.

Heute möchte ich all diesen Menschen – meinen Freunden – DANKE sagen!

 

 

2 Kommentare zu „Aleppo

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