Die Stimme des Herzens oder: Wir alle sind Parzival

Wie oft haben wir schon gelesen oder gehört, dass wir der Stimme des Herzens folgen sollen. Das klingt so banal. Aber wie geht das?

Meist ist die Stimme des Herzens eine leise, zarte Stimme. Und darüber liegt das ganze Hintergrundrauschen der Gedanken. Gedanken sind laut. Und sie sagen uns Dinge, die wir niemals ungeprüft hinnehmen sollten.

Wie soll man da der Stimme des Herzens lauschen? Der Alltag drängt sich ununterbrochen in unser Bewusstsein. Aber da war doch noch was. Wir hatten doch mal einen Plan, als wir uns auf den Weg zur Erde gemacht haben.

Wie kann man dieses Wissen wieder finden? 

Eines ist sicher. Es gibt einen Teil in uns, der sich daran erinnert. Und dann gibt es die immer wiederkehrenden Hinweise. Sätze, die wir immer wieder mal lesen oder hören und die uns nicht aus dem Sinn gehen. Oder Bücher, die uns scheinbar zufällig immer wieder empfohlen werden oder in die Hände fallen.

Das Wissen steckt in uns und wir müssen uns wie ein Archäologe, mit ganz feinem Werkzeug, daran machen diese Bruchstücke freizulegen und wieder zu einem Bild zusammenfügen.

Wir alle sind Parzival

Wir alle durchlaufen in unserer Entwicklung das Stadium des tumben Tores. Erst wenn wir die ersten mutigen Schritte gesetzt haben, kommt uns die Erkenntnis ein Stück entgegen. Auch in unserem Leben gibt es oft eine Analogie zu Herzeloyde, der Mutter Parzivals. Herzeloyde wollte ihren Sohn in einer paradiesischen Umwelt erziehen. Sie klärte ihn weder über die Welt noch über seine Abstammung auf. Damit hoffte sie, ihn möglichst lange an sich zu binden und ihn vor allen Gefahren zu beschützen. Aber als Parzival das erste Mal Ritter zu Gesicht bekommt, verlässt er das Paradies, das Herzeloyde für ihn geschaffen hat und macht sich auf den langen Weg der Gralssuche. Zu diesem Zeitpunkt weiß Parzival noch nicht, was er eigentlich sucht. Er spürt nur, dass jenseits der Welt seiner Mutter, Aufgaben auf ihn warten. Parzivals Weggehen führt zu Herzeloydes Tod.

Was bedeutet das für uns?

Wir haben uns selbst (oder andere für uns) Umstände geschaffen, die uns ein möglichst komfortables, angenehmes Leben ermöglichen. Darin kann man sich einrichten und sich niemals auf die Suche nach dem Gral machen. Der Gral steht in diesem Fall für unsere Bestimmung. So ein Leben kann angenehm sein. Aber ist das wirklich der Grund unseres Daseins? Sind wir Menschen auf der Erde um ein angenehmes Leben zu führen? Diese Frage muss jeder für sich beantworten.

Es kommt darauf an, was man als Essenz des Lebens betrachtet

Wenn unser Verständnis für die Essenz des Lebens sich in drei Mahlzeiten täglich plus ein wenig Zerstreuung erschöpft, dann müssen wir Herzeloydes Welt niemals verlassen. Wenn wir uns aber vorstellen können, dass kein Mensch ohne eine bestimmte Aufgabe auf diese Welt gekommen ist, dann wird sich in unserem Inneren immer ein Sehnen bemerkbar machen. Viele Menschen übertünchen dieses Sehnen mit Alkohol, Drogen und noch mehr Essen und Zerstreuung. Andere machen sich auf den Weg.

Der Tod Herzeloydes

Der Tod Herzeloydes, verursacht durch den Kummer um Parzivals Aufbruch ins Leben, symbolisiert die Zerstörung des sicheren Nestes. Dies muss in unserem Leben nicht zwingend eine physische Zerstörung sein. Es kann genau so gut sein, dass wir in dieses Nest nicht mehr zurück kehren können, weil wir eine Fülle von Erkenntnissen gesammelt haben, die uns diesen Schritt zurück verunmöglichen. Wenn wir nur genug wissen, dann wissen wir auch, dass die Suche weiter gehen muss.

Es ist unerheblich, wann wir den Gral finden

Parzvial irrt viele Jahre und Jahrzehnte durch die Welt. Er empfängt viele Unterweisungen, scheitert aufgrund seiner Unwissenheit immer wieder und wird am Ende Gralskönig. An unendlich vielen Punkten hätte er entmutigt aufgeben können.

Das Besondere an Parzival ist seine Durchhaltekraft

Wenn Parzival irgendwann aufgegeben hätte, wüssten wir heute wahrscheinlich gar nichts mehr von ihm. Dann wäre er einer von Vielen, die sich irgendwann auf die Suche gemacht und gescheitert sind. Aber Parzival ließ sich nicht beirren. Das ist das, was ihm zur Unsterblichkeit verhalf.

Wir brauchen Druchhaltekräfte und Mutkräfte

Wenn wir uns in den (geistigen) Strom der Gralssucher stellen, dann brauchen wir, ebenso wie Parzival, Durchhaltekräfte und Mutkräfte. Damals war es noch üblich, dass Männer ein halbes Leben durchs Land gereist sind, um ihrer Bestimmung zu folgen. Heute machen wir eher nur kurze, halbherzige Versuche. Dann geben wir auf und finden uns mit einem durchschnittlichen Leben ab.

Die Gralssuche der Jetztzeit

Dabei haben wir es heute um Vieles leichter. Nicht nur Männer können sich heute auf den Weg machen und ihren ganz persönlichen Gral suchen. Auch und ganz besonders Frauen sind in der Lage und ermächtigt dazu. Wir müssen nur die Regeln der Jetztzeit für uns etwas umschreiben.

Stimme des Herzens und die Entschleunigung des Lebens

Unseren Weg, unseren Gral, unsere Stimme des Herzens finden wir nicht auf Wikipedia. Wir können nicht eines Tages beschließen: „So, ich muss mal schnell Tante Google nach der Stimme meines Herzens befragen.“ Sondern wir müssen uns wieder auf alte Sitten und Werte besinnen. Wir brauchen Zeit, Ruhe, Geduld und den absoluten Willen zu den Tiefen unseres Daseins durchzudringen. Dies entspricht natürlich nicht ganz dem Gebaren unsere Zeit. Wir können die Erkenntnis weder über eine Suchmaschine finden, noch können wir den Weg abkürzen. Wir können nur eines: Uns auf den Weg machen in der Hingabe an die Dinge, die da kommen werden.

Der Tod Herzeloydes als Abschied von der Banalität

Für uns bedeutet die Analogie zum Tod Herzeloydes, dass wir uns von der Banalität des Lebens verabschieden. In dem Moment, in dem wir uns der Aufgabe der Menschheit und jedes einzelnen Menschen öffnen, können wir niemals mehr zurück in die Welt aus der wir kommen. Wir werden zu Suchenden, zu Gralsforschern.

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